Im Rahmen der Veranstaltungsreihe ›Stormans Museen zeigen Kunst‹ präsentierte die Orts- und Volkskundliche Sammlung Bargteheide vom 1. September bis 13. Oktober 2024 die Ausstellung ›Jörg Mohr – aus dem Nachlass‹ (Anm. 1). Nach 2004 war es die zweite Sonderausstellung, die das Museum dem Maler widmete.
Jörg Mohr selbst zeigte seine Gemälde nie in der Öffentlichkeit und soweit bekannt, hielt er sie auch im Freundeskreis verborgen. So ist es der Aufmerksamkeit Bargteheider Bürger und Bürgerinnen zu verdanken, dass der künstlerische Nachlass seinen Weg in das Bargteheider Museum fand.
Schriftliche Zeugnisse zu Jörg Mohr sind nur fragmentarisch vorhanden und biografische Angaben fast ausschließlich durch Zeitzeugen sowie behördliche Angaben zu erlangen. Private Fotos, die den Maler als Erwachsenen zeigen, sind bislang nicht bekannt.
Jörg Mohr ist am 15. April 1941 in Hamburg-Wellingsbüttel geboren (Anm. 2). Bedingt durch den Beruf des Vaters lebten die Eltern in Schwerin, zogen 1942 nach Bargteheide in die Lübecker Straße 1 und ab Juni 1949 in die Straße Struhbarg 61, in einen Neubau, der mit finanzieller Hilfe der Eltern mütterlicherseits errichtet worden war.
Der Vater Hans-Otto Mohr, geboren 1914 in Sonderburg (heute Sønderborg, Dänemark) war Soldat, kehrte im Juni 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück und arbeitete ab 1956 als Fahrlehrer bei der Bundeswehr. Die Mutter Wera Anna Johanna Broschat, geb. 1915, war Grafikerin. Die Eltern hatten am 6. August 1938 in Bargteheide geheiratet, ein erstgeborenes Kind starb noch im Geburtsmonat am 30. Dezember 1939.3
Die Großeltern mütterlicherseits führten in Bargteheide in der Rathausstraße 5 einen Süßwarenladen mit Verkauf von Kolonialwaren als Filiale des Hamburger Kaffee-Importeurs Thams & Garfs.
Nach dem Besuch der Volksschule in Bargteheide wechselte Jörg Mohr zur Stormarnschule in Ahrensburg. Wegen ›widerständischen‹ Verhaltens gegen einen Lehrer wurde er des Gymnasiums verwiesen und ging fortan zur Realschule in Ahrensburg, da er in einem anderen Gymnasium keine Aufnahme fand. Sein Berufswunsch, Bühnenbildner zu werden, war ihm damit versagt, da dieser ein Studium zur Voraussetzung gehabt hätte. Nach der Realschule zog er nach Hamburg und absolvierte eine Lehre als Tischler in der renommierten Tischlerei Gebrüder Bornhold, wie ein Zwischenprüfungszeugnis des 2. Lehrjahres 1962 belegt.4
Von Hamburg zog Jörg Mohr 1965 nach Berlin, um der Wehrpflicht zu entgehen. 1965 war er ebenfalls mit Zweitwohnsitz in Wiesbaden gemeldet. Er wechselte oft den Wohnort: München, Wiesbaden, Mannheim, Frankfurt/Main; 1975 zog er nach Hamburg in die Dorotheenstraße.5
Ein Absenderstempel von 1980 weist ihn als wohnhaft in München aus mit der Berufsbezeichnung Schreinermeister und Innenarchitekt.6 Für beide Titel finden sich keine Ausbildungs- oder Studiennachweise.
Jörg Mohr verstarb im Alter von fünfundvierzig Jahren am 18. September 1986, als Sterbeort ist Mainz verzeichnet. Eine Todesursache ist nicht bekannt, er wurde am 24. Oktober 1986 in Bargteheide beigesetzt.7 Die Familiengrabstelle ist heute aufgelöst.
In wiederkehrender Form thematisierte Jörg Mohr in seinen Bildern Gewaltsituationen, Herrschaft, Unterdrückung, Demütigung, Konfliktpotential. Welches Erleben bewegte den Maler im frühen Erwachsenenalter, seiner Gefühlswelt in derartigen Gemälden Ausdruck zu geben?
Wir wissen wenig über sein Leben. Über seine Kindheit und Jugend wird allerdings von Zeitzeugen, die mit ihm befreundet waren, mit ihm zur Schule gingen, immer wieder erwähnt, dass er unter einem überstrengen Vater und einer gefühlsarmen Mutter aufwuchs und gelitten habe. Sein Leben im Elternhaus sei von Angst beherrscht gewesen. Nur bei der im Haus wohnenden Großmutter habe er sich als Junge aufgehoben gefühlt.
Noch im Alter von 40 Jahren war die Auseinandersetzung mit seinen Eltern nicht abgeschlossen. Ein Brief an eine Freundin vermittelt die familiäre Unterkühlung: »In dem Verhältnis zu meiner Familie hat sich eine kleine Bewegung gezeigt, in der Weise, daß sich meine Mutter für den von mir geschickten Osterblumengruß telefonisch bedankt hat (allerdings in recht kurzgefaßter Form) und von mir nur erwartet, daß ich mich für den bewußten Brief vom vorigen Jahr an meinen Vater entschuldige« (Anm. 10). Leider ist dieser Brief verschollen, der Auskunft über das Vater-Sohn-Verhältnis hätte geben können.
Umso ausdrucksstärker gibt die Motivwahl und die Darstellung der Eltern in den Gemälden Einblick in das Sohn-Eltern-Verhältnis. Immer wieder wird der Vater in seinem Werk thematisiert. Die Biografie des Vaters kann Aufschluss über die Beweggründe geben.
Hans-Otto Mohr wurde 1914 als Sohn des Kaufmanns Wilhelm Gottlieb Mohr in Sonderburg auf der Insel Alsen geboren. Seine weiterführende Schulausbildung erhielt er 1924 bis 1932 in Hamburg in der Oberrealschule am Holstentor, die er mit der Mittleren Reife abschloss. Eine kaufmännische Lehre in der Groß- und Einzelhandelsfirma seines Vaters in Hamburg brach er ab.
Er entwickelte ein besonderes Interesse – geradezu eine Faszination für Kraftfahrzeugtechnik und Motorsport – das er am ehesten in der Wehrmacht zu verwirklichen glaubte.
Im Alter von 18 Jahren erwarb er den Führerschein der Klasse 3 und trat am 1. März 1933 in die Motor-SA, später NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahr-Korps) ein, eine paramilitärische Unterorganisation der NSDAP (Anm. 11). Mitglied der NSDAP wurde er am 1. Mai 1933 (Anm. 12).
Am 6. April 1934 meldete sich Hans-Otto Mohr zum aktiven Wehrdienst und leistete diesen in der 2. Kompanie, Kraftfahr-Abt. 2, in Schwerin bis zum 12. Oktober 1935. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges absolvierte er Reserveübungen in der 2. Panzer-Abwehr Abt. 12, war MG-Führer und Kraftfahrer mit dem Dienstgrad ROA, Reserveoffiziers-Anwärter.
Zu Kriegsausbruch meldete er sich freiwillig. Ab Dezember 1939 war er in der Panzer-Jäger-Abt. 207 zur Sicherung der Westgrenze in Frankreich und Holland im Einsatz. Im Russlandfeldzug ab 1941 war er im Rahmen der 9. und 4. Armee mit den Panzer-Jäger Abt. 236 und 129 als Zug- und Kolonnenführer, Kraftfahr-Offizier und als Verpflegungsoffizier im Kriegseinsatz. Im September 1943 wurde er in Russland in der Panzer-Jäger Abt. 253 durch einen Granatsplitter im Kopf verwundet. Noch 1944 belegte er in Mielau, Südostpreußen, einen Umschulungs-Lehrgang auf Jagd-/Kampfpanzer.
1941 erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse, 1942 die sogenannte Ostmedaille, das Ehrenzeichen für die Teilnahme an der Winterschlacht im Osten und 1943 das Eiserne Kreuz I. Klasse.
Vom 23. Mai 1945 bis 15. Juni 1945 war Hans-Otto Mohr in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. 1948 wurde er entnazifiziert und der Gruppe V zugeordnet: Personen, die vor einer Spruchkammer nachweisen konnten, dass sie nicht schuldig waren.
In der Nachkriegszeit scheiterte Hans-Otto Mohr beim Aufbau einer kaufmännischen Existenz. Er bewarb sich bei der Bundeswehr, Diensteintritt 1956. Eine Beurteilung der Heeresoffiziersschule II 1968 weist ihn als Oberstleutnant, Lehrstabsoffizier der Panzerabwehr/S3 und Leiter des Kommandostabs aus. Im Privaten pflegte er seine Hinwendung zu allem Militärischen und zu Waffen.
Seit 1946 war er Mitglied im Deutschen Schützenbund und der Militärischen Kameradschaft, Bargteheide. Er hatte eine Jagd gepachtet und war Mitglied im Deutschen Jagd-Schutz-Verband (Anm. 13).
Dem Bewerbungsschreiben von Hans-Otto Mohr um Anstellung bei der Bundeswehr 1956 ist ein handgeschriebener Lebenslauf beigefügt. Die darin zusammengefasste sehr sachliche Darstellung seiner Wehrmachts-Dienstlaufbahn zeigt, dass der Vater das Kriegsgeschehen völlig von sich abgespalten hat, indem er seine Kriegserlebnisse auf den technischen und taktischen Einsatz reduzierte:
»Während meines Kriegseinsatzes fand ich fast ausnahmslos bei motorisierten Einheiten Verwendung und hatte reichlich Gelegenheit, meine einschlägigen Kenntnisse zu vertiefen. Unter anderem war ich 5 Monate Divisions-Ingenieur während des Russlandfeldzuges. Für meine Verwendung im Heimatkriegsgebiet wurde ich ständig als Fahrer eingesetzt, speziell auf kraftfahrtechnischem und taktischem Gebiet« (Anm. 14)
Diese Abspaltung des tatsächlichen Kriegsgeschehens wird in den Gemälden des Sohnes aufs Heftigste demontiert und bloßgestellt. Er malte das Kriegsgeschehen in seinem ganzen Elend und Leid und hält dem Vater damit auch den Spiegel vor.
Der Umzug des Sohnes 1965 nach Berlin, um dem Wehrdienst bei der Bundeswehr zu entgehen, dürfte einen Höhepunkt in der Konfrontation mit dem Vater gewesen sein. Dies einerseits. Andererseits vermittelt die Malerei einen erschütternden Eindruck der Autorität, Macht, Strenge und Ausrichtung zu Pflicht und Gehorsam, unter der der Sohn in seiner Kindheit und Jugend gelitten haben mag. Auch die Unbedingtheit der Mutter wird in den Gemälden thematisiert.
In ihrer Rede zur Ausstellungseröffnungsrede formulierte es Lucia Schoop: »Seine Innenwelt, das Erleben seiner Existenz setzt Jörg Mohr in seinen Bildern allegorisch um. ... Seine Malerei ist das Sprachrohr und Ventil seiner Seele. ... Jörg Mohrs Ausdrucksweise führt in die Welt des ›Surrealen‹ und öffnet die Welt des Unbewussten, mit Bildern der Traumwelt, mit Phantasien und Ahnungen. Diese Träume und Phantasien zeigen sich in seinen Gemälden in bizarren Welten. Die inneren Spannungen werden freigesetzt und bildnerisch bearbeitet. Er malt grundlegende Gefühlserlebnisse und existenzielle Grundsituationen, die bis zum Inferno reichen« (Anm. 15).
Falls Leser oder Leserinnen mit Informationen oder Fotos die Spurensuche nach Jörg Mohr und seiner Familie ergänzen könnten, wäre das Museum Bargteheide als Nachlassbewahrer der geeignete Ansprechpartner. Für die freundliche Unterstützung bei der Einsichtnahme der Gemälde und für wertvolle Hinweise bedanke ich mich herzlich bei Wilma und Klaus Griese. Ebenso bei Günther Bock, der mich wieder einmal hilfreich begleitet hat.
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