Kunst im öffentlichen Raum

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Das Gericht der Tiere

Harald Duwe: Bargteheide

Was wohl ahnungslose Schulkinder denken, wenn sie in der Anne-Frank-Schule von Bargteheide das Bild mit dem Löwenpaar ansehen, um das sich Tiere aller Art versammelt haben, als handle es sich um die Arche Noah.

Beschreibung

Erst bei genauerem Hinsehen fällt im Zentrum neben den Löwen ein zerrupfter Hahn auf, vor dem ein Fuchs hockt, über ihm eine Henkersschlinge. Es ist die Gerichtsszene aus "Reineke Fuchs", eine 1498 zuerst in Lübeck gedruckte Geschichte in Versen, die zahlreiche Dichter und Künstler inspirierten. 1793 auch Johann Wolfgang von Goethe, der sie seinerzeit wohl gleichermaßen als Kritik am damaligen höfischen Leben und an der Gier der Menschen aufgefasst hatte.

Das Bild ist als Sgraffito in den Putz einer Wand gearbeitet - ein Werk des Malers Harald Duwe, der in den 1960er Jahren gelegentlich auch plastische Arbeiten im Rahmen von Kunst-am-Bau-Projekten entwarf und ausführte. Als 1966 die damalige Grund- und Hauptschule von Bargteheide einen Erweiterungsbau erhielt, war ein Kunstwerk ausgeschrieben, um das Duwe sich erfolgreich bewarb. Zur Ausführung der 5,40 Meter breiten und drei Meter hohen Arbeit hatte er zusammen mit Gehilfen eine einzige Nacht Zeit, da der schnell trocknende Zementputz nur eine kurze Bearbeitungszeit zulässt.

Duwe, der damals eher harmlose Landschaften malte, wurde später berühmt für seine kritisch-realistischen Bilder, in denen er auch die Schreckenszeit des Nationalsozialismus oder eines wieder aufkommenden Militarismus anprangerte. Βei seinen Arbeiten für den öffentlichen Raum, etwa für Schulen in Großensee und Stapelfeld, schuf er indes noch unverfängliche buntfarbige Keramik-Objekte, weil es dem damaligen Zeitgeist entsprach und weil sie vor allem für Schulkinder gedacht waren.

Dennoch zeigt seine Wandarbeit in Bargteheide mit der parabelhaften Tierszene durch die Schlinge über dem schuldigen Fuchs die ganze Härte des Lebens - fast wie ein erhobener Zeigefinger nach dem Motto: Du sollst nichts Unrechtes tun. Während der Debatten um seinen Entwurf musste Duwe sich durchsetzen gegen kritische Lehrerstimmen, die einen Verzicht auf den Galgenstrick forderten. Der Künstler aber entgegnete, dass bei einer Gerichtsszene mit einem Gauner das "Werkzeug des Gerichts" nicht fehlen dürfe. Allerdings verkleinerte er die Schlinge schließlich und hängte sie etwas höher, als ursprünglich geplant. Nachdem die Schule 1994 zur Anne-Frank-Schule umgewidmet wurde und erweitert werden sollte, wurde das Wandbild restauriert und in einen Umbau integriert.

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Harald Duwe

Wurde 1928 in Hamburg-Rothenburgsort geboren, einem Arbeiterviertel. 1942 bis 1945 absolvierte er eine Lithographenlehre in Hamburg und Leipzig, unterbrochen durch Reichsarbeits- und Kriegsdienst sowie Kriegsgefangenschaft. Dem schloss sich bis 1950 ein Studium der Malerei an der Hamburger Landeskunstschule bei Wilhelm Grimm an. Duwe bekam unter anderem Stipendien für Stockholm und Paris. Er unterrichtete 1964 bis 1977 räumliches Darstellen an der Ingenieurschule für Fahrzeugtechnik in  Hamburg. 1975 bis zu seinem Tod 1984 war er Dozent für Malerei an der Kieler Fachhochschule für Gestaltung, der heutigen Muthesius-Kunsthochschule. Er hatte unter anderem Ausstellungen in der Kieler Kunsthalle, dem Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum in Schleswig, dem Kunsthaus Hamburg oder dem Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal. 1981 erhielt er den Kulturpreis der Landeshauptstadt Kiel.

Anne-Frank-Schule
Emil-Nolde-Straße 9
22941 Bargteheide

Standort

Anne-Frank-Schule

Emil-Nolde-Straße 9
22941 Bargteheide

Radrundtour

Das Kunstwerk liegt an oder in der Nähe der Radroute 12: https://tourismus-stormarn.de/de/radrundtouren/geschichten-von-schloss-und-hof-3

Sgraffito auf Wand, 1966. Anne-Frank-Schule, Emil-Nolde-Straße 9, Bargteheide.

Quelle: Quellen: Johann Wolfgang von Goethe, Reineke Fuchs, 1793/94, s. z.B.: http://gutenberg.spiegel.de/buch/reineke-fuchs-3681/1. https://de.wikipedia.org/wiki/Reineke_Fuchs. www.kreisarchiv-stormarn.de. Akten der Gemeinde Bargteheide. Hannelies Ettrich, Open Space Bargteheide, Kunst im öffentlichen Raum, Hrsg. Stadt Bargteheide, Stadtarchiv 2017, S. 14-16. Sylvia Stuhr, Der Künstler Harald Duwe, Kunstwerke im Außenraum in Großensee und Stapelfeld, in Jahrbuch für den Kreis Stomarn 2012, S. 27 - 34. Telefonat Jens Rönnau mit Johannes Duwe und Heilwig Duwe am 11. und 12.10.2016. https://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Duwe, 22.12.2018. http://www.harald-duwe.de/, 22.12.2018.

(c) Text Jens Rönnau