Sommerby

Stormarner Autorin Kirsten Boie nimmt Kinder mit in ein Sommer-Abenteuer

Wenn der Sommer kommt, heißt es endlich wieder: rausgehen, in der blühenden Natur sein, den Sonnenschein spüren, Eis essen, die Luft lauer Sommernächte genießen und Sommerabenteuer erleben …

von Martina Weber

Foto © Verlag Friedrich Oetinger

Wenn der Sommer kommt, heißt es endlich wieder: rausgehen, in der blühenden Natur sein, den Sonnenschein spüren, Eis essen, die Luft lauer Sommernächte genießen und Sommerabenteuer erleben … In besonderer Weise gilt das auch für die drei jungen Protagonisten in dem Buch „Ein Sommer in Sommerby“ von Kirsten Boie.

Den drei Geschwistern Martha, Mikkel und Mats steht plötzlich ein ganz anderer Sommer bevor, als eigentlich geplant war: Sie sollen ihre Ferien bei ihrer Oma Inge auf dem Land verbringen. Dabei kennen sie ihre Großmutter doch kaum – und etwas seltsam soll sie auch noch sein. Doch alle Vorbehalte nützen nichts, denn aufgrund von ungeplanten Ereignissen bleibt den Kindern keine andere Wahl.

Als sie bei ihrer Oma ankommen, sind sie zuerst etwas geschockt: Kein Telefon, kein Internet und der Fernseher funktioniert auch nicht richtig. Dafür wohnt sie allein und etwas abgelegen. Sie verkauft selbst gemachte Marmelade, um Geld zu verdienen. Und dann hat sie auch noch Hühner, ein Motorboot und ein Gewehr. Letzteres für den Fall, dass ungebetene Gäste verjagt werden müssen.

Zuerst fällt es den Kindern schwer, diese neue Situation anzunehmen. Doch als etwas Unvorhergesehenes passiert und Omas Idylle plötzlich bedroht ist, halten sie zusammen. Denn das wollen sie auf keinen Fall zulassen.

 

Raus aus der Großstadt, rauf aufs Land (und dort ohne Internet) – dass das nicht langweilig sein muss, zeigt der Roman auf unterhaltsame Weise. Während des Lesens stellt sich ein richtiges Sommerfeeling ein. Sommerby wird lebendig und vor dem inneren Auge entsteht ein Ort, an dem ich auch gerne meine Sommerferien verbringen würde. Die Figuren heben sich ab vom Papier. Die drei Geschwister und Oma Inge sind sehr lebhaft und authentisch in Szene gesetzt. Man schließt sie schnell ins Herz und fiebert bei ihren Abenteuern mit. Die Kinder bekommen von ihrer Oma viel unbekannte Freiheit geschenkt und lernen, dass anders nicht gleichbedeutend mit schlecht ist. Ganz nebenbei wird vermittelt, dass es eigentlich gar nicht so viel braucht, um glücklich zu sein und Geld nicht alles ist im Leben. Dass die Natur mehr Achtsamkeit verdient und es wichtig ist zusammenzuhalten. Ein Zitat aus dem Buch bringt es auf den Punkt:„Wenn es nötig ist, kann man ganz vieles, was man sich sonst nicht zutraut.“

Die warmherzige Geschichte lässt sich sehr flüssig lesen. Besonders angenehm sind auch die recht kurz gehaltenen Kapitel, was es perfekt zum Selberlesen für Kinder ab zehn Jahren macht. Aber auch für jüngere Kinder ist es zum Vorlesen gut geeignet – und für die Erwachsenen, die diese Aufgabe übernehmen, kann es ebenfalls eine entspannende Lektüre sein.

Neben dem ersten Buch „Ein Sommer in Sommerby“ sind weitere Teile erschienen – „Zurück in Sommerby“ und „Für immer Sommerby“, deren Handlung jeweils im Herbst und im Winter angesiedelt ist.

„Ein Sommer in Sommerby“ von Kirsten Boie, Verlag Friedrich Oetinger, 320 Seiten, ISBN: 9783789108839, Preis 14 Euro.

Wer gerne weiterlesen möchte, findet unten ein Interview mit Kirsten Boie zu ihrem Folgeband "Zurück in Sommerby".

„Selbst im Idyll wünsche ich mir Realismus“ - Interview mit Kirsten Boie zu „Zurück in Sommerby“

Was waren die schönsten Reaktionen von Leser*innen auf „Ein Sommer in Sommerby“?

Kirsten Boie: Da gab es so vieles und ganz Unterschiedliches! Am meisten gefreut hat mich, dass ich Post und Mails von Menschen aller Altersgruppen bekommen habe – von Großeltern oder Eltern (ja, auch von Männern!), die das Buch zuerst für Enkel oder Kinder, dann aber für sich selbst gelesen hatten, ebenso wie von Achtjährigen, die mir lange Briefe geschrieben haben (ja, auch Jungs!) – und oft mit der Bitte nach einer Fortsetzung. Dass ein Buch eine so breite Leserschaft erreicht, fand ich überraschend und ich habe mich enorm gefreut. Geplant war das ja nicht! Bei einer Lesung in einem Literaturhaus saß in der ersten Reihe einmal ein kleines Mädchen, fünf Jahre; und als ich eine hoch
dramatische Stelle vorgelesen habe – Martha, Mikkel und Mats sind in Seenot – sprang sie auf und rief gleich zweimal laut in den Saal: „Enes rettet sie gleich! Enes rettet sie gleich!“ Da wusste ich: Auch mit fünf kann man die Geschichte schon verstehen – und spannend finden. (Aber ich empfehle sie noch nicht für dieses Alter!)

War Ihnen schon beim Schreiben des ersten Bandes klar, dass es weitere Sommerby-Bände geben würde?

Kirsten Boie: Nein! Das war genau wie bei allen anderen meiner Serien, Möwenweg, Trenk – auch da habe ich am Anfang immer gesagt, es gäbe doch ein Happy End, für mich wäre die Geschichte damit abgeschlossen. (Das habe ich auch sehr energisch dem Oetinger-Verlag erklärt, als wir zum ersten Mal über Sommerby gesprochen haben. Da kennen sie mich natürlich und wissen, wie unzuverlässig ich in solchen Fragen bin!) Aber wenn so viele Anfragen und Bitten kommen – auch darauf habe ich zuerst immer geantwortet, nein, einen zweiten Band würde es nicht geben! – setzt das in meinem Kopf einfach etwas in Gang, und plötzlich habe ich Lust auf eine Fortsetzung und weiß auch, wie sie aussehen wird. Da verdanke ich meinen Leser*innen also ganz viel!

Worum geht es im zweiten Band? Das Liebesthema aus dem ersten Band erhält auf jeden Fall mehr Raum…

Kirsten Boie: Zu viel möchte ich eigentlich nicht gern verraten! Im zweiten Band ist es Herbst geworden, der grässliche Makler aus dem ersten Band hat nun eine Möglichkeit gefunden, an Oma Inges Haus zu kommen, aus der es (wäre da nicht Boysen, der Schnitzer, mit seinen internationalen Kontakten!) eigentlich keinen Ausweg gegeben hätte; Mats begibt sich freiwillig in Knechtschaft auf einen Bauernhof mit Milchtankstelle; und Mikkel rettet einen ausgesetzten Hund, der kein bisschen ausgesetzt ist. Und ja, Martha verzweifelt fast an ihrer ersten Liebe…

Kirsten Boie © Olaf Malzahn

Gegen ihren Willen hält der technische Fortschritt bei Oma Inge Einzug und die Eltern von Martha, Mats und Mikkel bringen einen Fernseher mit. Die Installation von Internet und WLAN wird ebenfalls diskutiert. Gerät Sommerby dadurch nicht in Gefahr?

Kirsten Boie: Darüber habe ich lange nachgedacht. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es in Sommerby für immer so medienarm bleiben würde, wenn die Familie erst einmal häufiger kommt.
Das hätte ich unrealistisch gefunden – und selbst im Idyll wünsche ich mir Realismus. Aber ich hatte beim Schreiben nie das Gefühl, dass irgendetwas sich dadurch grundsätzlich ändert. Das Sommerby-Erlebnis ist für Kinder so intensiv, dass alles andere dagegen kaum eine Rolle spielt. Es gibt so vieles in der aktuellen Wirklichkeit zu tun, dass für anderes kaum Raum bleibt!

Nicht nur die Kinder haben sich in ihrem ersten Sommer in Sommerby verändert und viel dazu gelernt, auch Oma Inge hat sich verändert. Sie ist fast fürsorglich und tischt den Kindern sogar ihr Lieblingsessen auf – was sich für die aber irgendwie falsch anfühlt, weil es bei Oma Inge Bauernfrühstück geben muss. Hat Oma Inge Sie überrascht?

Kirsten Boie: Alle meine Figuren überraschen mich ab und zu! Sonst würde das Schreiben ja keinen Spaß machen. Aber gerade Oma Inge ist, finde ich, rundum und in jeder Beziehung ganz sie selbst geblieben; schon im ersten Band hat sich doch gezeigt, dass unter ihrer rauen Schale wenn nötig ein weiches Herz schlägt. In diesem Band erfahren wir aber mehr über sie – auch darüber, warum sie wurde, wie sie ist. Und wir bekommen die Chance, mit ihr zu fühlen, als sie zum ersten Mal hilflos ist und keine Möglichkeit mehr sieht, ihr Zuhause zu behalten.

Oma Inge feiert in „Zurück in Sommerby“ ihren 70. Geburtstag, genau wie Sie in diesem Jahr. Zufall?

Kirsten Boie: Das glaubt mir ja keiner, aber: doch, totaler Zufall! Ich habe einfach durchgerechnet, wie alt sie ungefähr sein müsste, als ich für die Handlung dringend ihren Geburtstag gebraucht habe. Da dachte ich dann, es dürfte auch ruhig ein runder sein. Erst hinterher habe ich gemerkt, dass Oma Inge und ich damit gleichaltrig sind. Aber während bei mir alle Geburtstagsfeiern bedingt durch Corona ausfallen mussten, kann Oma Inge ihren – natürlich gegen ihren Willen! - so richtig feiern.


Das Interview führte Judith Kaiser mit der Autorin Kirsten Boie im Juni 2020.
https://www.oetinger.de/presse

Kurzbiografie Kirsten Boie (Auszug)

Kirsten Boie ist eine der renommiertesten, erfolgreichsten und vielseitigsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen.
Sie wurde 1950 in Hamburg geboren, studierte dort Germanistik und Anglistik. Zwei Semester besuchte sie, gefördert durch ein Auslandsstipendium der Hamburger Hochschule, die Universität Southampton in Großbritannien. Nach dem ersten Staatsexamen in den Fächern Deutsch und Englisch promovierte sie im Fach Literaturwissenschaft über die frühe Prosa Bertolt Brechts. Sie arbeitete als Lehrerin in einem Gymnasium, wechselte auf eigenen Wunsch später an eine Gesamtschule.
1983 adoptierte sie mit ihrem Mann ihr erstes Kind. Auf Verlangen des vermittelnden Jugendamtes musste sie damals ihre Berufstätigkeit aufgeben, um sich ganz dem Kind widmen zu können. Inspiriert durch die eigene Situation schrieb sie so ihr erstes Kinderbuch Paule ist ein Glücksgriff. Ihr Debüt wurde ein beispielloser Erfolg: Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis, Buch des Monats der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in Volkach, Ehrenliste des Österreichischen Staatspreises für Kinder- und Jugendliteratur.

Und Kirsten Boie selbst erwies sich als Glücksfall für die deutsche Kinder- und Jugendliteratur! Inzwischen sind von Kirsten Boie weit mehr als hundert Bücher erschienen und in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Einige ihrer Bücher wurden verfilmt, z.B. Der kleine Ritter Trenk oder die Möwenweg-Reihe. Kirsten Boies Werk zeugt von einer enormen literarischen Vielseitigkeit und großem Einfühlungsvermögen. 2007 wurde Kirsten Boie für ihr Gesamtwerk mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichnet.
Zwei Dinge sind Kirsten Boie beim Schreiben besonders wichtig: zum einen, dass Literatur für Kinder immer auch Literatur sein sollte; zum anderen, dass darüber nicht vergessen wird, an wen sie sich richtet, dass sie also Literatur für Kinder ist: "Bei dem Spagat zwischen beiden Anforderungen rutsche ich sicherlich einmal mehr zur einen, einmal zur anderen Seite hin aus. Aber hier die richtige Balance zu suchen ist es gerade, was das Schreiben für Kinder für mich so aufregend macht."

Quelle: https://www.oetinger.de/presse

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